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23. Januar 2026 – 29. Mai 2026
Das Ernst Leitz Museum in Wetzlar präsentiert vom 23. Januar bis zum 29. Mai 2026 die Ausstellung „Where the World Is Melting“ – eine eindrucksvolle Werkschau des isländischen Leica Fotografen Ragnar Axelsson (*1958), der seit mehr als vier Jahrzehnten die Arktis dokumentiert.
Ragnar Axelssons Schwarzweißbilder sind ebenso von monumentaler Naturgewalt geprägt wie von einer stillen, zutiefst menschlichen Nähe. Sie zeigen nicht nur Eis, Schnee und Wind, sondern vor allem das Leben, das sich diesen Elementen aussetzt – und damit eine Welt, die im Begriff ist, zu verschwinden.
Axelssons Fotografien sind dabei weit mehr als spektakuläre Landschaftsaufnahmen. Sie sind ein Langzeitprotokoll eines radikalen Umbruchs. Die Arktis verändert sich schneller als viele andere Regionen der Erde, und mit ihr geraten Lebensweisen, Kulturen und Landschaften unter Druck, die über Jahrhunderte gewachsen sind. In Axelssons Bildern wird der Klimawandel nicht zur abstrakten Statistik, sondern zu einer konkreten Erfahrung: als Verlust von Stabilität, als Bruch in Routinen, als Unsicherheit in einem Raum, der lange Zeit von Verlässlichkeit geprägt war.
Wer Axelssons Werk betrachtet, begegnet einer Welt, die von wenigen geprägt wird – von Jägern und ihren Schlittenhunden, von grönländischen Inuit, von Fischern, Bauern und Rentierhirten in der sibirischen Tundra. Es sind Menschen, deren Alltag unter Bedingungen stattfindet, die außerhalb dieser Regionen kaum vorstellbar sind. Axelsson nähert sich ihnen nicht als distanzierter Beobachter, sondern als jemand, der bleibt. Er reist nicht für einen schnellen Besuch an, sondern kehrt wieder, verbringt Zeit vor Ort, teilt den Rhythmus des Lebens und gewinnt Vertrauen.
Diese Arbeitsweise prägt den Charakter seiner Porträts. Sie wirken nicht „gemacht“, sondern erlebt. Die Bilder sind Momentaufnahmen, doch sie tragen die Schwere einer langen Beziehung in sich – zu den Personen, zu ihren Geschichten, zu ihren Orten. Axelsson sammelt Informationen aus erster Hand, aus Gesprächen und Begegnungen, aus Erlebnissen, die ihn selbst geprägt haben. Er wird zum Botschafter einer Existenzform, die zunehmend unter Druck gerät, weil sich die Grundlagen ihres Lebens verändern: Eiswege verschwinden, Jagdrouten verschieben sich, Wetter wird unberechenbarer.
Eines seiner prägnantesten Zitate bringt diese Erfahrung auf den Punkt. Vor etwa 30 Jahren sagte ihm ein alter Jäger in Thule: „Irgendetwas stimmt nicht, so sollte es nicht sein, dem großen Eis geht es schlecht.“ Axelsson beschreibt diesen Moment als Wendepunkt – als Beginn einer anderen Wahrnehmung. In der Ausstellung wird deutlich, dass dieses „andere Sehen“ nicht nur die Natur betrifft, sondern auch die Verantwortung des Fotografen.